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Westend ist Dies:

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Kolumne Westend Anzeiger, 06.04.05
(c) Sacha Storz

Ein jeder neigt dann und wann zu etwas Chauvinismus, bezüglich Geschlecht oder Landstrich, Staat oder Fußballverein. Und in moderater, reflektierter Form, mit einem Schmunzeln versehen, ist er doch auch fast erträglich, oder? Ich möchte deshalb den Eindruck, den ich an einem sonnigen Frühlingssonntag im Viertel spazierend gewann, hier ungeniert zum Besten geben: Das Westend ist das schönste Viertel der Stadt, Punkt, aus, Schlussdibus.

Kritik wird laut, murmel, quengel, ich weiß. Die Grünwalder meinen, hier stächen Schmuddelkinder ihre Cabrioreifen auf. Die Schwabinger sagen, hier gäbe es keine Nachtlebensszene, die gänzlich an ihre Fun-Gastronomie herankommt. Und die Hasenbergler meinen, das Westend sei ohnehin nicht ernst zu nehmen, weil Radarfallen am Wegesrand nicht von der Bevölkerung weggeräumt werden. Mag alles sein. Trotzdem, wenn ich die gelungenste Amalgamisierung aus Urbanität und Nachbarschaft auf der Münchenkarte einzeichnen müsste, wo sollte ich die Feder ansetzen als im Westend?

Wo kriegen Sie an einem Frühlingssonntag Döner, Falafel und Spinatpiden für einen Euro fünfzig, weil der Budenbesitzer seit zwei Wochen eine Sonderaktion fährt? Wo kriegen Sie von einer Perserin vor der Türe ihrer DU-AG frische Litschi geschenkt? Ja, und wo gibt es überhaupt so eine DU-AG, offenen, nicht-kommerzialisierten Raum für Kunst und Aktion, gegründet als die unselige Ich-AG zum Unwort des Jahres wurde?

Und wo gibt es ansonsten eine waschechte, bahnbrechende Lesebühne?! Das muss man doch mal feststellen. Und wo spielen Kinder auf der Straße, ok, das klingt jetzt wirklich kitschig, Hilfe, aber immerhin ist Frühling und die Sonne scheint, sehen Sie es mir nach, und ich meine übrigens Straßen ohne Zone-30-Schilder. Wo machen diese Kinder Flohmarkt auf dem Bürgersteig? Und wo sehen Sie an einem Frühlingssonntag Gesichter aus fünf Kontinenten, wenn Sie diesen Bürgersteig hinunter flanieren?

Gut, vielleicht waren es nur vier, ich geb’s zu. Und vielleicht gibt es das alles auch anderswo in München. Ich sagte ja schon, ein jeder neigt dann und wann zum Chauvinismus, zum über die Stränge schlagenden Heimatlob, ich tue das hier unverblümt. Denn wo an einer Straßenecke sich vier Kontinente treffen und ein Falafel in der Sonne essen, wo man in der DU-AG frische Litschi von einer Perserin bekommt, während eine Chinesin dort ihren Tee zubereitet, da findet vielleicht ganz unauffällig, zwanglos und alltagsnah das statt, was München immer sein will, und es mit aller Allianzarena und Hitech-Standortgewalt doch nicht so ganz schafft zu sein. Eben „Weltstadt mit Herz“.


(c) Sacha Storz, 06.04.05

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