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Westend ist Dies:

 
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Drei Tage im Winter
(c) Sacha storz, 2003

Freitag

Meine Lieblingsfarbe ist Rot. Mein Lieblingssänger ist Elvis Presley. Mein Lieblingsgericht sind Bratkartoffeln und mein Lieblingswetter ist Sonnenschein. Meine Lieblingsjahreszeit ist Frühling, trotzdem ist mein Lieblingsdatum der vierundzwanzigste Dezember, weil ich da Geburtstag habe. Mein Zimmer ist klein und hat Gitter vor den Fenstern, weil ich jemanden umgebracht habe. Die Fenster führen auch gar nicht nach draußen, deshalb sind es keine wirklichen Fenster. Meine Lieblingstageszeit ist der Abend und meine Lieblingsblumen sind weiße Tulpen, weil sie aussehen wie meine Mutter, als sie aufgebahrt war bei ihrer Beerdigung.

Meine Tage sind lang und langweilig hier drinnen. In zwei Tagen habe ich Geburtstag, dann darf ich zur Feier ein paar Schritte im Hof tun. Ansonsten darf ich nicht raus, weil ich gefährlich bin. Ich bin natürlich nur gefährlich, wenn ich Geburtstag habe, aber das weiß keiner. Im Hof ist nicht viel, dem ich gefährlich werden könnte und in meiner Zelle auch nicht, deshalb haben sie das noch nicht bemerkt. Wenn sie mich rausließen, dann würden sie bemerken, dass der vierundzwanzigste Dezember ein gefährlicher Tag ist. Es ist der Tag, an dem Jesus Christus und ich Geburtstag haben und der Tag, an dem der heilige Geist auf die Erde kommt, Besitz von mir ergreift und Gerechtigkeit auf die Welt bringt. Das ist natürlich das eigentlich Gefährliche, nicht ich. Aber auch das weiß keiner, weil ich es niemandem sage.

Es gibt nicht viel zu sehen hier drin. An der Wand hängt ein altes Poster von einer hügeligen Landschaft, auf dem Boden steht ein Tablett mit einem Plastikbecher. Mein Lieblingssong ist Love me tender, meine Lieblingsoper ist La Traviata, mein Lieblingsbuch ist der kleine Prinz, meine Lieblingsfarbe ist Rot, mein Lieblingstag ist Sonntag. Ich muss mir diese Dinge immer wieder vorsagen, damit ich sie nicht vergesse. Man vergisst so einiges, wenn man den ganzen Tag nur dasitzt und nichts tut, und das Vergessen ist der kleine Tod. Meine Lieblingssuppe ist Erbsensuppe, mein Lieblingsnachtisch ist Schokoladenpudding und meine Lieblingsuhrzeit ist halb elf Uhr abends. Um halb elf Uhr abends gehen die Lichter aus, dann ist es dunkel, und man kann nicht mehr erkennen, dass das Zimmer so klein ist. Die Wände werden von der Dunkelheit nach außen weggeklappt. Ich habe ein Nachttischlämpchen, aber ich mache es nie an, weil ich es schön finde, wenn es dunkel ist.


Samstag

Morgen habe ich Geburtstag und der Heiland ebenfalls. Er sagte mir, er sei gar nicht wirklich am Vierundzwanzigsten geboren, aber die Menschen glaubten das, und damit sei es gut so. Vielleicht bin ich selbst auch nicht am vierundzwanzigsten geboren, antwortete ich, denn ich kann mich nicht daran erinnern. Ich habe es wohl vergessen. Meine Geburt, meine ich. Gib acht auf das Vergessen, sagte er, denn das Vergessen ist der kleine Tod. Ja, sagte ich, das weiß ich.

Das Wetter ist schlecht draußen, habe ich vom Wärter gehört, es schneit nicht, wie sich das die Leute wünschen, es regnet statt dessen. Mein Lieblingswetter ist Sonnenschein. Mein Lieblingsverwandter ist meine Mutter, weil sie aussah wie eine weiße Tulpe, als sie aufgebahrt war bei ihrer Beerdigung. Morgen vor sieben Jahren ist sie gestorben, morgen vor sieben Jahren kommt der Heilige Geist auf die Welt hernieder und morgen vor zweiunddreißig Jahren habe ich Geburtstag. Meine Lieblingsfarbe ist Rot.

Der Arzt, der manchmal mit mir spricht, stellt mir immer wieder Fragen über Sprichwörter. Das ist wirklich albern, ich muss ihm erklären, was es heißt, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, oder dass eine Schwalbe noch keinen Frühling macht. Dann fragt er mich, welche Gegenstände er mir vorher gezeigt hat, meistens ein Schlüsselbund und ein Bleistift oder etwas ähnliches. Natürlich weiß ich, dass eine Schwalbe keinen Frühling macht. Erstens, weil ich im Winter Geburtstag habe und zweitens, weil der Frühling aus Sonnenschein gemacht ist und nicht aus Schwalben. Meine Lieblingsfarbe ist Rot, mein Lieblingssprichwort ist “Morgen ist heute schon gestern”. Die Leute sagen das zu Silvester, aber ich glaube, man kann es auch über den vierundzwanzigsten Dezember sagen, und am vierundzwanzigsten Dezember habe ich Geburtstag, und der Heiland auch, und am Vierundzwanzigsten ist auch meine Mutter gestorben, und der heilige Geist ist in mich gefahren und die Gerechtigkeit auf die Welt gekommen. Und wenn morgen heute gestern ist, und gestern heute morgen, dann ist jeder Tag jeder Tag und dann liegen immer überall weiße Tulpen und brennen Feuer und fällt Regen und scheint die Sonne. Das ist eine schöne Vorstellung.


Sonntag

Der Hof ist nass und der Wind weht ziemlich stark. Aber das macht nichts, es tut gut, die frische Luft zu kosten. Ich konnte heute früh beim Aufwachen spüren, wie der Heilige Geist in mich hineinfuhr, wie immer am vierundzwanzigsten Dezember seit sieben Jahren. Jetzt leuchtet er rot aus meinen Augen und wartet auf eine Gelegenheit Gerechtigkeit zu üben. Meine Lieblingsfarbe ist Rot. Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen. Meine Lieblingsstimme ist die Stimme des Heiligen Geistes, der an meinem Geburtstag in meinen Ohren pfeift. Weihnachten ist ein besonderer Tag, sagt er zu mir, denn an Weihnachten komme ich auf die Erde. Und weil du Geburtstag hast, besuche ich dich. Das ist gut, sagte ich ihm damals vor sieben Jahren, als er zum ersten mal kam. Komm nur, sagte ich, weil ich dachte, dann hört das Pfeifen im Kopf vielleicht auf.

Dann begriff ich, das Pfeifen im Kopf, das ist ja genau der Heilige Geist. Denn schließlich ist heute Weihnachten. Also ließ ich ihn in meinen Kopf fahren und in meine Brust und in meine Arme und in meine Beine und ich ließ ihn Gerechtigkeit üben. Meine Lieblingssuppe ist Erbsensuppe. Meine Lieblingsnarben sind die Narben an meinen Händen, die ich von dem Brand des Hauses habe, das der Heilige Geist angezündet hat.

Der Wärter sagt, dass ich Besuch habe, das ist sehr ungewöhnlich. Ich habe fast nie Besuch. Ob ich ihn empfangen will, fragt der Wärter. Der Heilige Geist sagt, ja, empfang ihn. Also sage ich, ja und ich werde ins Besuchszimmer geführt. Ich setze mich hin, hinter die Glasscheibe mit dem Telefon und warte. Der Heilige Geist in meinen Augen leuchtet ziemlich stark, ich kann die Reflektion auf der gegenüberliegenden Wand sehen, ein roter Fleck, der hin und her wandert. Ich habe schon lange keinen Besuch mehr bekommen. Mein Lieblingsbesuch ist mein Bruder Jacque.

Mein Besuch wird hereingeführt, es ist nicht Jacque. Es ist niemand, den ich kenne, sondern eine alte Frau in einem schwarzen Kleid. Das Pfeifen in meinem Kopf ist jetzt sehr laut. Das Zischen und das Pfeifen im Kopf ist wie Musik, wie La Traviata. Meine Lieblingsfarbe ist Rot. Die Frau setzt sich mir gegenüber, auf die andere Seite des Panzerglases. Sie schaut mir ruhig in die Augen und nimmt den Telefonhörer. Sprich mit ihr, sagt der Heilige Geist.

Ich nehme den Hörer ab. Wissen Sie, wer ich bin, fragt sie. Nein, sage ich.

Ich bin die Mutter von drei Kindern, die vor sieben Jahren in dem Haus verbrannt sind, das Sie angezündet haben, sagt sie. Ich schaue ihr ins Gesicht und kann den roten Fleck zwischen ihren Augen sehen, der aus meinen Augen herausleuchtet. Meine Lieblingsfarbe ist Rot. Das Zischen ist lauter geworden. Meine Lieblingstageszeit ist Abend und meine Lieblingsuhrzeit ist ein grelles Pfeifen in der Mitte meines Kopfes. Ich habe kein Haus angezündet, sage ich.

Doch, sagt sie. Das haben Sie. Deshalb sind Sie hier. Deshalb sind Sie eingesperrt. Nein, das stimmt nicht, sage ich. Meine Lieblingsfarbe ist Rot und meine Lieblingsverwandte ist meine Mutter. Sie starb am Vierundzwanzigsten und der Heilige Geist bringt Gerechtigkeit auf die Welt. Ich wollte Ihnen ins Gesicht sehen, sagt sie. Ich wollte Ihnen ins Gesicht sehen, bevor ich zum Grab gehe. Wissen Sie, welcher Tag heute ist, fragt sie.

Ja, sage ich leise, das weiß ich. Ich stehe auf. Der rote Fleck tanzt über ihr Gesicht und das Pfeifen in meinem Kopf will alles anzünden. Heute ist Weihnachten, antworte ich.

 

(c) Sacha storz, 2003

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