|
Mein erster Panasonic
(c) Volker Keidel, 2004
Die Urlaubsende-Depression traf mich aus heiterem Himmel. Ist doch immer das Gleiche:
Scheiße, die ganze Kohle ausgegeben, nix gelernt für den Schulendspurt, wird also wieder verdammt knapp mit der Versetzung. Überhaupt Schule. Die kann mich mal ! Und die Freundin daheim auch: Und ? Wie war`s ? Warst du brav ? Was hast du mir mitgebracht ? Oh Gott, jetzt kann nur noch der Straßenhändler helfen !
Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Total in Ordnung war er, der braungebrannte Süditaliener mit Ray-Ban-Imitat auf der Nase und astreiner Schnecke im Arm. „E, snelle noch Armband für Fräulein ?“ – „Ja, snelle, snelle, aber nix teuer, sonst kriegste Feuer, und nix verkaufe Dreck, sonst isse deine Fräulein weg !“, reimte ich in einem Anflug unglaublichen Witzes.
Jaja, da lachte mein Freund Massimo und schenkte mir ein Bändchen meiner Wahl, weil ich so ein „lustige Kerl“ sei. Ich nahm ein Band in den Farben meines Lieblingsvereins, wandte mich mit einem geheuchelten „Grazie“ ab und murmelte instinktiv ein „dummes Arschloch“ in mich hinein, als er mir freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte.
„Du brauche Videorekorder ?“ Tatütatatatütata....sämtliche Alarmglocken schrillten zeitgleich.
„Aufgehorcht, Massimo !“, sagte ich mit Puls 40, „ich bin ein aufgeweckter junger Mann, nächstes Jahr mache ich Abi, und zwar kein schlechtes, glaubst du wirklich, ich kaufe von einem italienischen Straßenhändler einen Videorekorder ?“
„Warume nichte ? Isse geklaut, aber isse egal daheim mit Freundin und geile Porno, e ? Erst gucke !“
Mit flinken Fingern öffnete er seinen Kofferraum und gewährte mir einen Blick auf 5 originalverpackte Panasonic-Videorekorder und etliche Videokameras.
„Isse von Laster gefalle“, zwinkerte er mir zu.
„Wieviel ?“ – „500 Marke.“ – „Hab nur noch 200, fahren in einer Stunde nach Hause.“ – „O.K.“ – „Warte kurz, ich hol das Geld.“
Ich sprintete ins Restaurant, wo meine Kumpels auf mich warteten, lieh mir 200 Mark und ging zurück.
Massimo war plötzlich total hektisch und wollte das Geschäft hoppladihopp über die Bühne bringen. Das machte mich stutzig , ich wollte nichts riskieren und ließ mir wie ein alter Hase eine Verpackung öffnen. Meine Sorge war völlig unbegründet, denn darin befand sich ein in „Fragile-Luftpolsterfolie“ eingepackter, nagelneuer Videorekorder mit Fernbedienung und Gebrauchsanweisung, hinten war der Stecker zu sehen...geil, Deal perfekt.
Zurück im Restaurant wollten mir die Jungs Angst machen.
„Da sind Drogen drin, die fahren dir nach und nach der Grenze schlagen sie zu und holen sich alles zurück. Falls wir vorher nicht verhaftet werden.“
Ich blieb sehr cool: „ Der ist geklaut, na und ? In Deutschland krieg ich locker 500 dafür.“
Je näher wir der Grenze kamen, desto weniger sprach und desto mehr rauchte ich. Am letzten Rastplatz vor dem Zoll hielt ich dem Druck, der fast schon unmenschliche Züge annahm, nicht mehr stand. Ich hielt an, rupfte hektisch die Verpackung inklusive „Fragile-Luftpolsterfolie“ weg und schaute wie paralysiert auf meine Kumpels, die sich schreiend am Boden wälzten.
In meiner Hand hielt ich einen Panasonic-Videorekorder...aus Holz. Wie in Trance schnappte ich mir einen Schraubenzieher und öffnete die seltsam schwere Kiste aus Pressspan.
„Bitte laß wenigstens Drogen drin sein !“, flehte ich weinerlich, doch nicht einmal das gönnte man mir. Damit die Verpackung das Gewicht eines Videorekorders hatte, hatten sie die gemeinen Verbrecher mit 2 Tetra Pak Wasser beschwert.
„Vielleicht ist es ja Heilwasser“, brachte Breiti gerade noch hervor, bevor er wieder zusammenbrach.
Haha, was für eine witzige Heimfahrt. Es waren keine wahren Freunde, sonst hätten sie nicht Sachen gesagt wie:
-Kenwood hätte aber besser gepaßt !
oder
-Ich hab noch einen Woody-Allen-Film daheim !
oder
-Er hat bestimmt einen hohen Brennwert !
Und ich kann noch froh sein. Was wäre wohl bis heute mein Spitzname, hätte es damals die Randfichten schon gegeben?
Aber ich war wenigstens nicht allein in Deutschland mit meinem Kummer. Zwei Wochen später sah ich ungelogen in der Sendung „Vorsicht Falle“ mit Eduard Zimmermann ein Ehepaar aus Sachsen mit exakt meinem Panasonic. Und die hatten 250 DM hingeblättert. Die Deppen.
(c) Volker Keidel, 2004 [eins höher] |
|