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Fear and loathing in Las Vegas oder Mein Beitrag zum Aufbau Ost
(c) Felix Bonke, 2004
Der Wüstenwind blies heiß und unerbittlich zum Fenster herein. Die Sonne sandte ihre tödlichen Strahlen aus als wären es apokalyptische Reiter, denen sie befahl, unseren Körpern den letzten Tropfen Wasser abzutrotzen und uns tot wie Trockenobst in unserem ´75er Chevy zu mumifizieren, als Mahnmal für alle, die des Weges kamen. Denn die Wüste war ihr Reich. Hier hatten Menschen nichts verloren.
Ich stellte die Klimaanlage auf die höchste Stufe.
„Vielleicht sollten wir die Fenster zumachen?“, meinte Mario.
Verflucht!, dachte ich. Die Pilze wirkten noch nicht richtig. Da war noch zu viel kritischer Verstand.
„Hier, nimm ´ne Kippe!“
Ich warf ihm die Schachtel Marlboro rüber. Er zündete sich brav eine an, und wie immer begann er sofort zu husten wie ein alter Dieseltraktor.
Mario war aus Sachsen-Anhalt. Ich hatte ihn in L.A. aufgegabelt, als er heulend im Hard-Rock-Café saß und versuchte, sich zu betrinken. Zuhause hatte er seinen Job verloren und kurz drauf seine Freundin. Seine erste Liebe aus der Schule. Sie hatte ihn für einen Anderen verlassen, nach zwölf Jahren.
„Irgend so ´n doofer Techno-Fuzzi, der Drogen nimmt. Sie hat gesagt, ich wär ihr zu langweilig.“
Vereinsamt, erniedrigt, zerstört war er also kurzerhand in die Staaten geflogen. Dort wollte er lernen, wie man ein cooler Hund wird. Und coole Hunde – das war ihm jetzt klar – nehmen Drogen.
Er tat mir Leid, dieses schmächtige Kerlchen mit schütterem Haar. 30 Lenze und noch nie an der Suppe des Bösen geschnuppert, nie die Dämonen gerufen, die einem das Herz auswrangen, um es danach mit Nektar und Ambrosia zu füllen. Nie in den tausend Dimensionen gewandelt, die unsere Welt dem Nüchternen nicht zeigt. Mario war nichts als ein formloser Marmorblock, und ich wusste, dass es an der Zeit war, den Meißel anzusetzen.
Ich packte ihn an der Backe, richtete seinen Kopf auf und sah ihm in seine traurigen kleinen Kolibri-Augen.
„Junge“, sagte ich, „lass uns nach Vegas fahren!“
Ich rüstete also unsere Hausapotheke mit all den sündigen Spezereien auf, die unserem Trip die richtige Würze geben sollten. Im Morgengrauen fuhren wir los, dem Ruf der Coyoten folgend. Irgendwo in der gotterbärmlichen Feindseligkeit der Mojave-Wüste verließ ich den Interstate und parkte unseren Chevy dort, wo früher einmal die legendenbepflasterte Route 66 verlief. Hier schmissen wir uns die Pilze ein.
„Da bin ich ja mal gespannt!“, meinte mein ostdeutscher Steppenwolf-Azubi mit vollem Mund. „Vielleicht werd ich ja durch die Pilze zum Super-Mario, so wie in dem Computer-Spiel. Der heißt nämlich auch Mario, und jedes Mal, wenn der ´nen Pilz isst…“
„Schluss mit dem Gequatsche!“, unterbrach ich ihn. „Jetzt schnall dich an und mach dich locker. Du wirst deine Kräfte brauchen.“
Und da waren wir nun: Zwei schwitzende Pilger auf dem Interstate 15, dem Jakobsweg zur Tempelstadt des Antichrist. Die Meilen, die vor uns lagen, waren wie zentnerschwere Mühlsteine, die es galt, beiseite zu wälzen. Die Zeit verging, und Mario war endlich ruhig geworden. Er schien tief in Gedanken versunken. Vielleicht, dachte ich, war er eine jener unschuldigen Kreaturen, deren Seele so rein war, dass sie für die dionysischen Kräfte von Halluzinogenen nicht empfänglich waren, oder die im Rausch auf dem stillen, inneren Pfad der Glückseligkeit entgegenstrebten.
Doch dann geschah es: Mitten in der meditativen Ruhe, die nur das monotone Brummen des Motors durchzog, schreckte Mario plötzlich auf und brüllte:
„Nu fahr doch ma rechts ran hier!“
Ich stieg mit aller Gewalt in die Bremse und lenkte unser Wüstenschiff zum Fahrbahnrand, in dem festen Glauben, Mario würde sich nun übergeben müssen. Aber er riss nur die Türe auf, sprang nach draußen und hüpfte umher wie ein tollwütiger Derwisch.
„Nu simma endlich da!“, schrie er. „Viva Las Vegas!“
„Mario, steig wieder ein!“, forderte ich ihn auf. „Das ist nicht Las Vegas, das ist ein Kaktus.“
Doch Mario nahm meinen Einwand gar nicht zur Kenntnis. Er tanzte um den Kaktus wie Rumpelstilzchen beim Kindergeburtstag und begann, seltsame Laute von sich zu geben. Seine Stimmbänder zelebrierten eine markerschütternde Symphonie aus schrillem Gekreische und tiefem dumpfem Röhren, jauchzende Crescendos und wuchtige Fortissimos entstiegen seiner Kehle und durchzuckten die taubfahle Wüste wie akustische Blitze. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache. Ich hatte schon bei vielen Menschen gesehen, wie sie auf Pilze reagierten: Manche lachten, manche weinten, manche schliefen ein und manche saßen einfach bloß da und freuten sich, weil sie die Kontinentaldrift spüren konnten.
Doch das hier war anders. Da war zuviel Pilz und zuwenig Mario. Mein kleiner Klient steuerte geradewegs auf eine gewaltige Psychose zu. Ich betrachtete hilflos mein Werk. Ich hatte einen Schizzo gezeugt, einen Wahnsinnigen, der einem Kaktus den Verkehr von Manhattan vorsang.
Ich musste das schleunigst wieder in Ordnung bringen. Ich begann also, einen Joint zu rollen und nahm das stärkste Haschisch, das ich mir je durch die Nüstern geblasen hatte: Schwarzer Afghane der feinsten Sorte, in Szenekreisen auch unter „Kabuler Spätlese“ bekannt. Man sagt, der Hindukusch habe davon geraucht, bevor er zu Stein geworden ist.
Draußen spielten sich inzwischen unglaubliche Szenen ab: Mario stand vor dem Kaktus, beide Arme nach oben gerissen wie ein Priester und die Hände zur Faust geballt. Er stampfte wild auf den Boden, sein Gesicht war zur Fratze verzerrt, und sein Rachen gebar ein Kastratenheer undefinierbarer Laute, die nun immer rhythmischer wurden.
Und plötzlich begann sich die Wüste zu regen. Aus allen Himmelsrichtungen kamen Tiere herbeigeströmt, als würde Sauron seine Armeen versammeln. Krass, dachte ich, dass in diesem Elend aus Hitze und Sand überhaupt irgendwas lebte. Doch da kamen sie nun: Coyoten, Schlangen, Leguane, Taranteln, Termiten, Fledermäuse und sogar ein paar Schildkröten. Sand wurde aufgewirbelt und verdunkelte den Horizont. Ein Falke landete auf Marios Schulter und blickte böse und eindringlich zu mir herüber. Ich mochte diesen Vogel nicht. Von der ersten Sekunde an.
Das Ganze begann mir unheimlich zu werden. Natürlich spürte ich den Pilz auch, und das machte es schwer, überlegt zu handeln. Mir war nur eines klar: Wir mussten hier weg. Schnellstmöglich. Ich stürmte nach draußen, packte Mario am Arm und sagte: „Lass uns abhauen, Mann. Wir müssen weiter nach Las Vegaaaaaaahh…!“
Mein Ohr schmerzte. Der Falke sah mich kalt und gebieterisch an, während er das Stückchen Haut runterschluckte, das er noch im Schnabel hatte.
Jetzt war ich wirklich sauer. „Ich werd dir den Hals rumdrehen, du militantes Geflügel!“, schrie ich.
Doch der Falke wandte sich nur langsam und würdig zu Mario und schien ihm was ins Ohr zu flüstern.
„Luzifer sagt, wenn du uns nochmal zu nahe kommst, dann hackt er dir die Augen aus.“
„Bitte was?“, stotterte ich verwirrt, „Luzifer?“
„Nu, eigentlich heißt er Luchs-Zephyr, weil er mal ´nen Luchs erlegt hat und dann mit dem Zephyr-Wind wieder heimgeflogen ist. Aber das kann ja keiner aussprechen. Deswegen nenn ich ihn Luzifer.“
Ich glaubte diese Geschichte nicht. Vielmehr war ich davon überzeugt, dass es sich bei dem Mistvieh tatsächlich um den Leibhaftigen handelte.
„Wir machen das jetzt so: Von meinen Freunden dürfen jetzt zwei von jeder Art im Auto mitfahren. Die anderen kommen dann zu Fuß nach.“
Mario redete, wie es Gott tun würde, wenn er ein Sachse wäre. Er wirkte besonnen und erleuchtet. Ich hingegen verfluchte meine Idee, eine Drogen-Jungfrau mit Pilzen zu füttern. Oh Mario!, dachte ich. Um wie viel lieber warst du mir, als du noch nicht fließend die Sprache der Tiere beherrscht hast und kein Wüstenschamane mit biblischen Visionen warst. Ich wünschte mir den jammernden Ossi zurück. Daran war ich wenigstens von zu Hause gewöhnt.
Unter den grimmigen Blicken Luzifers musste ich nun mit ansehen, wie Mario das Wüstengetier paarweise in unserem Chevy unterbrachte. Dann hieß er mich einsteigen und losfahren.
„Und wohin?“, fragte ich, ein wenig beunruhigt ob der Tarantel, die sich gerade von meinem Ohr abseilte.
„Nach Vegas, wie geplant.“
„Und was hast du dort vor?“
Mario erzählte mir von seiner Vision: Eines Tages tauchte auf einmal ein weißer Tiger in der Wüste auf und erzählte den Tieren, was in Las Vegas so abging. Die Tiere, die ja nur die Wüste kannten, waren begeistert, dass es einen Ort gab, wo man mehrmals am Tag zu Fressen bekam und weniger als sechs Monate für die Suche nach einem Geschlechtspartner brauchte. Also wollten sie hin. Alle. Und Gott versprach, ihnen dort einen kleinen Urlaub zu organisieren. Darum schickte er Mario diese Vision und betraute ihn mit der Aufgabe des Reiseleiters. Der Falke Luchs-Zephyr sollte dabei sein Mentor sein.
„Bist du bescheuert Mario?“, rief ich entsetzt. „Glaubst du im Ernst, Gott würde seine Tiere nach Vegas schicken, das man Sin-City nennt, die Stadt der Sünde! Weißt du, wer dich hier verarscht, Mario, weißt du das? Niemand anderes als Satan persönlich!“
Ich zeigte auf den verhassten Falken.
Das Glas meiner Sonnenbrille zersplitterte. Ich wusste, das war Luzifers letzte Warnung. Würde ich ihm noch einmal dumm kommen, war mein Augenlicht Geschichte.
Ich schmiss mir noch ein paar Pilze ein und verhielt mich fortan ruhig. Als dann wir in Vegas ankamen, war es nicht mehr zu übersehen, dass das ganze Unternehmen kein Akt von Gottes Barmherzigkeit war. Die Taranteln hatten die Termiten gefressen, die Leguane waren den Schlangen zum Opfer gefallen und die Coyoten hatten den Schildkröten den Kopf abgebissen.
Doch Mario war viel zu aufgeregt, um irgendetwas zu bemerken.
„Dann würd ich ma sagen: Ab ins Casino, Leute!“
Vor dem Auto wartete bereits eine riesige Traube von Tieren, die Mario euphorisch in Richtung Cesar’s Palace führte. Ich ging erstmal ins Hotel, um ein bisschen zu schlafen. Mir war das alles zu viel.
Als ich dann am späten Abend wieder erwachte, hoffte ich, der ganze Spuk sei vorbei und meine Überzeugung, Satan wolle die Tiere der Wüste zum Glücksspiel verführen, nichts als die übliche Pilzparanoia. Doch als ich das Casino betrat, um nach Mario zu sehen, glaubte ich, im falschen Universum zu sein. Überall an den Automaten saßen Tiere und zockten. Das war ja nicht schwer. Man musste immer nur eine Taste drücken. Mit der Pfote, wie es die Coyoten taten oder mit dem Kopf, so wie Schlangen und Schildkröten. Alles, was kleiner war, schaute gebannt zu. Taranteln saßen friedlich neben Termiten und eiferten mit. Die Spielsucht ließ sie ihre Feindschaft vergessen.
Ich erfuhr, dass Mario 250 000 Dollar beim Pokern gewonnen hatte, weil ihm eine Fledermaus von der Decke aus in Ultraschallfrequenz die Karten der Gegner verraten hatte. Mit dem Geld hatte er dann das halbe Casino für seine Tiere gemietet.
„Immerhin hat das der liebe Gott so gewollt.“, sagte Mario, während Luzifer mich triumphierend angrinste.
Ich war zwar beileibe noch nicht nüchtern, doch war mir sofort klar, dass dies der Anfang einer weltweiten Kampagne von Satan war, bei der er alle Tiere in die Spielsucht treiben und die Natur aus den Angeln heben wollte. Das konnte ich nicht zulassen. Ich musste die Evolution retten. Und ich musste vor allem Mario hier rausholen, denn er war Satans wichtigstes Werkzeug.
Doch zunächst musste ich Luzifer ausschalten, den Fürst der Finsternis, der als Falke getarnt neben Mario saß und Kaviar schlürfte. Ich witterte meine Chance und ging auf die beiden zu. Dann beugte ich mich zu Mario vor und tat, als würde ich ihm was ins Ohr flüstern. Luzifer fing natürlich gleich an zu toben und achtete nicht mehr auf seine Kaviarschüssel, wo ich mit einem geschickten Manöver eine Handvoll klein gebröselter Kabuler Spätlese versenkte.
Ich rannte weg und kam nach einer halben Stunde wieder. Mario lief mir entsetzt entgegen.
„Luzifer hat das Gleichgewicht verloren und liegt jetzt auf dem Boden und lacht nur noch und sagt, dass er solchen Hunger hat!“
„Komm Mario“, sagte ich, „wir holen ihm was zu essen.“
Ich packte ihn am Arm und zerrte ihn nach draußen. Doch als ich ihn gerade ins Auto setzen wollte, um ihn aus diesem Sündenfuhl zu evakuieren, kam plötzlich eine Horde Amerikaner auf uns zugetrampelt und fiel über Mario her wie über ein All-you-can-eat-Buffet. Ich hörte ein paar Satzfetzen wie „gorgeous“, „awesome“ und „he’s so cute!“, dann trugen sie ihn auf ihren Schultern zurück ins Casino.
Ich beschloss aufzugeben. Das Böse hatte gesiegt. Ich wollte nur noch raus aus diesem Schlangenloch und gab meinem Chevy die Sporen. Ich fuhr und fuhr ohne Richtung, ohne Ziel irgendwo in den Staaten umher. Nach sieben Tagen und sieben Nächten war mein Kopf wieder vollkommen klar, die Erinnerung an Vegas jedoch ein undurchschaubares Gestrüpp aus Dichtung und Wahrheit. Was war dort wirklich geschehen? Ich wusste es nicht und würde es wahrscheinlich auch nie erfahren.
Doch dann fiel mir an irgendeiner Raststätte eine Zeitung in die Hände. Dort las ich, dass ein kleiner Deutscher namens Magic-Mario und sein Falke die Show von Siegfried und Roy übernommen hatten. Die weißen Tiger schienen ihm im Vergleich zu seinen Vorgängern irgendwie besser zu gehorchen.
Ich überlegte kurz, ob ich Schuldgefühle haben sollte, weil Mario jetzt wegen mir im Pakt mit dem Teufel stand und jeden Abend Amerikaner belustigen musste. Doch ich beschloss, das ganze positiv zu sehen. Immerhin hatte ich einem Ossi einen Job besorgt. Und das war doch auch nicht zu verachten.
(c) Felix Bonke, 2004 [eins höher] |
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