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Glaubenskrise
(c) Felix Bonke, 2004
Ein paar Jahre vor dem endgültigen Scheitern des internationalen Kommunismus war ich es, der sich von einer schönen Illusion verabschieden musste. Und ebenso wie die treuen Jünger Lenins es nicht wahrhaben wollten, dass alles, woran sie geglaubt hatten, nur ein zynischer Witz der Geschichte war, ebenso weigerte ich mich noch Jahre später, anzuerkennen, dass der heilige Nikolaus physisch nicht existierte.
Ich denke nicht, dass es Wehmut und Nostalgie waren, die mich stur am Glauben an den Nikolaus festhalten ließen. Es erschien mir damals schon recht grotesk, dass ein unfrisierter Greis extra mit seinem sechsspännigen Schlitten aus dem Himmel kam, um mir zu sagen, dass ich mehr Blockflöte üben soll. Nein, vielmehr war es mein gekränkter Stolz, der mich trieb. Ich konnte mich nicht damit abfinden, sechs Jahre lang an ein Phantom geglaubt zu haben. Und im Nachhinein war alles so klar und durchsichtig: Das Kostüm, das jedes Mal anders aussah: Bei uns zuhause, bei der Adventsfeier im Kindergarten und an den Schokoweihnachtsmännern, die Tatsache, dass die himmlische Meinung bezüglich meiner korrekten Lebensführung völlig identisch war mit dem, was mir meine Mutter immer sagte, und die peinliche Offensichtlichkeit, dass der vermeintlich Heilige die gleiche Stimme hatte wie der Sohn unseres Nachbarn.
Um diese Niederlage zu verarbeiten redete ich mir also übergangsweise ein, alle Belehrungen wären missgünstige Propaganda um meinen Glauben ins Wanken zu bringen. Wider jede Vernunft hielt ich an meiner fixen Idee fest. Und sollte dabei später mit den Kommunisten prominente Nachahmer finden.
Die Sache mit dem Nikolaus hatte damals eine ganze Kettenreaktion in Gang gesetzt, an deren Ende der qualvolle Tod meines Urvertrauens stand. Und ich hatte diesen Prozess auch noch selbst eingeleitet. Ich war schon immer so ein Philosoph gewesen, was im für ein Kind so viel bedeutet wie Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, und machte mir den ganzen Tag so meine Gedanken. Warum man Luft nicht sehen konnte aber spüren, wie lang ich in meinem Sandkasten graben musste, um nach China zu kommen und warum die Sesamstraße nach diesen komischen Semmeln benannt war, die mir nicht schmeckten. Und so fragte ich mich auch eines Tages, warum denn aus dem Bart des Nikolauses zwei Schnüre zum Hinterkopf führten und dort zusammengebunden waren. Nicht ahnend, welche Konsequenzen das für mich haben würde, konfrontierte ich meinen Vater mit dieser Beobachtung.
„Mein Junge“, sagte er, „wir müssen uns mal unterhalten.“
Ich flennte wie eine ganze Trauergemeinde, als die Katze aus dem Sack war.
„Und das Christkind?“, schluchzte ich.
„Gibt’s auch nicht.“
„Osterhase?“
„Nein.“
„Sandmännchen?“
„Mein Sohn, du bist jetzt alt genug…“
Doch ich wollte nichts mehr hören und rannte raus. Die Watschn, die mir die Realität gerade verpasst hatte, schmerzte zu sehr.
Beim Abschied von den frühkindlichen Festtagsgötzen macht man die gleichen Phasen durch wie bei der richtigen Trauer: Verleugnung, Zorn, Depression und Annahme des Schicksals. Nur dass bei mir die Verleugnung ungewöhnlich lang dauerte.
Als ich dann mein Schicksal irgendwann angenommen hatte, glaubte ich an gar nichts mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass es wirklich der Briefträger war, der die Post brachte, das war sicher auch nur getürkt, ich glaubte nicht mehr an die Müllabfuhr, hegte Misstrauen beim Schornsteinfeger, der schon sehr stark dem Herrn Schöpfle von zwei Straßen weiter ähnelte und witterte Verschwörung bei meinen Lehrern, die gewiss in ein paar Jahren sagen würden: „Reingefallen! Die Mathematik gibt es gar nicht.“
Ich wurde zum Aufklärer meiner Klasse, zum Umwerter aller Werte, zum universellen Zweifler. Ich war der Martin Luther der großen Pause, der alles in Frage stellte, was seinen Mitschülern lieb und heilig war.
Eines Tages nagelte ich meine Thesen an die Zimmertüre der Klasse 2b:
1. Benjamin Blümchen kann gar nicht sprechen.
2. Meister Eder ist Pumuckl nie begegnet.
3. Der Li-La-Launebär ist in Wirklichkeit unser Nachbar.
Zwei Tage später bekam ich mein revolutionäres Manifest von meiner Lehrerin zensiert zurück. Ich hatte in meinen drei Sätzen acht Rechtschreibfehler und Benjamin Blümchen mit P geschrieben. Aus Scham legte ich noch am selben Tag mein Amt als geistiger Brandstifter nieder. Zum Aufrührer war ich nicht geboren, aber meine Zweifel am System hatte ich mir bewahrt.
Und vor allem fragte ich mich: Wenn es den Nikolaus nicht gab, den Osterhasen und das Christkind, war dann der liebe Gott auch nur ein Phantom? War dann das, was uns der Pfarrer im Religionsunterricht erzählt hatte, auch nur Verarsche? Würde dann nicht vielleicht nach meinem Tod plötzlich der Teufel vor mir stehen und sich kaputtlachen, dass ich ein Leben lang an diesen Blödsinn von Buße und Erlösung geglaubt hatte, obwohl einen doch in Wirklichkeit nur eine gewisse Menge von unbereuten Sünden für das Paradies qualifizierten, und all die braven Leute bis in Ewigkeit im Himmel schmoren mussten, um Rosenkränze zu beten?
Eine Frage, die bei jedem Hallelujah in meinem Kopf hämmerte.
Eine Frage, die mir jede Hostie fahl schmecken ließ.
Eine Frage, die ich bis heute nicht vollständig beantworten konnte.
(c) Felix Bonke, 2004 [eins höher] |
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