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Westend ist Dies:

 
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2 Traumtage
(c) Volker Keidel, 2004

Es ist 4.28 Uhr. Ich steh jetzt auf, an Schlafen ist eh nicht mehr zu denken. Ich fühle mich wie eine Tablette Ecstasy, die eine Kiste Cola getrunken hat und gleich die entscheidende Abiturprüfung schreiben muß. Mein Kopfkissen ist tropfnass. Einerseits vom Geifer, der mir in Vorfreude auf das heutige Spiel aus dem Mund gesprudelt ist, andererseits wegen der Tränen, die ich in Vorfreude auf das heutige Spiel geweint habe. Und da ist noch eine andere Flüssigkeit. Wahrscheinlich wegen der Vorfreude.
Flugs schaue ich noch mal in den Videotext, ob sich noch einer beim Abschlusstraining verletzt hat.
Es ist 4.33 Uhr. Vielleicht sollte ich mich langsam auf den Weg zum Stadion machen. In knapp 11 Stunden beginnt das wichtigste Spiel meines Lebens.
Der HSV kann durch einen Auswärtspunkt beim FC Bayern nach über 23 Jahren endlich wieder Deutscher Meister werden. Natürlich ist dem Verein der Landesmeister-Titel von 83 mehr wert, mir aber nicht. Damals war ich 13 Jahre alt und noch an Erfolge des HSV gewöhnt. Außerdem habe ich da noch kein Bier getrunken und was ist eine Fußball-Feier ohne Bier.
Das wäre wie ein Hollerbach ohne Grätsche, wie eine Jahrhundertelf ohne Bäron, wie ein Leben ohne Fußball, wie ein Fußball ohne Leben.
Jetzt bin ich jenseits der 35, bin stark am Bierkrug und privat läuft alles spitzenmäßig, sogar ein Haus haben wir gemietet und Premiere abonniert.
Nur sportlich läufts nicht so toll.
Aber heute werde ich mich für alle Hänseleien der letzten Jahre rächen. Es ist so schwer als Franke in Oberbayern. Wenn ich da stolz sage, ich komme aus Würzburg und bin HSV-Fan, da machen sich die gar nicht die Mühe das Ganze psychologisch aufzuarbeiten und zu ergründen, was da in meiner Erziehung falsch gelaufen ist.
Nein, sie schauen mich verächtlich an und sagen: „Oans muß i dir amal sang: Du bist fei a Saubers Orschloch!“
Bei den Bayern-Fans werde ich mich rächen und auch bei den Löwen, diesen Nutten. Ich habe diesen Tag im Mai 2001 nicht vergessen, als sie mich beschimpft und angespuckt haben, weil die Bayern in letzter Minute...ich kann nicht weitererzählen. Naja, jedenfalls konnte ich ja nix dazu, daß dieser bescheuerte Schober den Ball in die Hand nimmt. Und 5 Minuten beim 1:0 von Barbarez haben sie noch gejubelt und mir Freibier und Freundschaften in Aussicht gestellt.
Heute ist mein Tag! Ich werde mit Freund Murphy ein Fahrrad-Korso durch die Leopoldstraße machen und diesen arroganten Münchnern ihr komplettes dünnes Drecksbier wegtrinken. Ganz laut werde ich „Wir sind schlau, wir sind Fans vom HSV!“ singen. Sollen sie mich doch verhauen, Hauptsache Meister! Nur den Punkt müssen wir noch holen.
ZEITSPRUNG
Es sind 89 Minuten gepielt. 1:0 für Bayern. Was für ein schlechtes Spiel. So schlecht, daß sie sogar den Takahara eingewechselt haben. Gleich pfeift er ab, ich hasse diesen Verein. Warum kann ich kein Bayern-Fan sein, dann hätte ich schon 1000 Titel. Jetzt pfeift er ab, ja, er führt die Pfeife zum Mund und pfeift. Schluß! Alles vorbei, Bayern ist Meister. Doch, pardauz, was ist das? Er hat ab-, sondern Strafstoß gepfiffen. Anscheinend wurde Takahara gefoult oder er ist über den Ball gestolpert: Wie geil!
Oh Gott, er schnappt sich selbst den Ball und legt ihn auf den Punkt. Jetzt kommt Benny Lauth dazu.
Man kann es von seinen Lippen ablesen. Er sagt: „You know Francis Kioyo? I played with him last year. And you are as blind as him. History doesn`t repeat. I shoot!“
Benny läuft an, dreht sich und knallt das Ding mit der Hacke rein. Abpfiff! 40000 mitgereiste HSV-Fans und 2 Franken schreien sich 2 Dekaden Frust von der Seele. Wie hysterisch brülle ich andauernd „Du mußt es Lauth anhören, du mußt es Lauth anhören!“. Dann breche ich weinend zusammen.
Ich bin wieder wer!

2.Tag:
Heute hatte ich wieder so einen schönen Traum. Klinsmann hat angerufen.

 

(c) Volker Keidel, 2004

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